
Erfahrungsbericht von Ilker Şatıroğlu
Erfahrungsbericht 2004-2005
Stipendiat: Ilker Şatıroğlu
Jahrgang: 2003-E
Universität: Ruprecht Karls Universität Heidelberg
Fach: Medizin
Datum: 28.04.05
Sehr geehrte Damen und Herren des Vorstandes des Vereins zum Betrieb der
Deutschen Schule Istanbul,
mit diesem Bericht möchte ich über meine Erfahrungen und Eindrücke zu sprechen
kommen, die ich innerhalb der ersten 7 Monate meines Deutschlandaufenthaltes als
Medizinstudent in Heidelberg gesammelt habe. Ich hoffe, dass dieser Bericht
einigen Absolventen der Deutschen Schule Istanbul, die in Heidelberg studieren
wollen, die Einstiegsphase erleichtert. Jeder wird seine eigenen Erfahrungen
machen, so wie ich, aber dennoch ist es gar nicht schlecht, in den ersten Tagen
und Wochen, wenn man den ganzen Tag damit beschäftigt ist, einen Kenner dabei zu
haben. Ich hatte keine Probleme, mich an das Leben in Heidelberg zu gewöhnen.
Ich habe immer gute Tipps von Absolventen der Deutschen Schule Istanbuls
bekommen und diese in meine eigenen Erfahrungen integriert. Mittlerweile sind
ungefähr 15 Absolventen der Deutschen Schule Istanbul in Heidelberg, die zum
Teil Fächer wie Medizin, Jura, VWL, Politikwissenschaften und Psychologie
studieren, aber auch zum Teil schon mit dem Studium fertig sind, arbeiten und
uns mit einem "Abi"(türk. großer Bruder)-Gefühl helfen. Es ist ein sehr gutes
Gefühl, in einem fremden Land, in einer fremden Stadt, Menschen zu kennen, die
man jeden Tag sehen, mit denen man gemeinsam etwas unternehmen und die man um
Rat fragen kann. Also sollten unsere Absolventen keinerlei Angst oder Scheu
haben hierhin zu kommen. Wie es sich nach einer Weile unvermeidlich
herausstellt, gibt es in Heidelberg auch eine ähnliche Anzahl von Absolventen
der "Istanbul Lisesi", die auch sehr nett sind und u.a. Biologie, Physik,
Medizin und Archäologie studieren oder ihre Masterarbeit im Bereich der
molekularen Biologie und Genetik machen. Wir sind froh, jedem, der uns um Rat
fragt zu helfen. Deswegen ist nochmals meine E-Mailadresse für Interessierte:
ilkersatiroglu@hotmail.com. Nach diesem kurzen einem Freude gebenden
Überblick über den jetzigen Zustand in Heidelberg, komme ich zu einem ziemlich
grausamen Thema, das alle von uns betroffen hat, und das ist das Problem des
Visums:
Visum
Ein Visum für ein Studium in Deutschland zu bekommen, ist ziemlich
problematisch. Es kommt selten vor (oder vielleicht auch gar nicht), dass ein
Schüler mit Zulassung für eine deutsche Universität und die nötigen Unterlagen
bei sich hat, abgelehnt wird. Das Problem ist eher, dass es sehr lange dauert,
bis ein Visum fertig gestellt ist (ungefähr 1 Monat!!). Also haben die meisten
türkischen Schüler erst ein Visum, nachdem die Frist für die Einschreibung
längst vorbei ist. Leider hat niemand einen Einfluss auf diese Zeit, weder die
Deutsche Schule Istanbul noch die Botschaft selber, denn es hängt von den
Behörden in Deutschland ab. Was man machen kann ist:
• Mit geschickten Telefongesprächen mit dem Auslandsamt und Ausländerpolizei in
der jeweiligen Stadt, kann man diese Zeit verkürzen, indem man sie darum bittet,
die Unterlagen zu faxen. Aber man kann sich nicht auf diese Methode verlassen.
• Man kann bei der Universität anrufen und eine Fristverlängerung beantragen.
Wenn man so glücklich ist, dass die Nummer nicht besetzt ist und jemand wirklich
ans Telefon geht, und dieser jemand zu der richtigen Behörde gehört und Sie
nicht weiter verbindet, wo niemand antwortet, wird das auch direkt gemacht.
Diese Methode hat 90% Garantie. Man sitzt aber tagelang am Telefon und macht
sich Stress, weil man niemanden erreicht. Die restlichen 10% Prozent beziehen
sich darauf, dass der/die jenige am Telefon vergisst einen Notiz zu machen.
Ich habe diese Methode verwendet und war erfolgreich. Ich musste jeden Tag
anrufen bis ich erst nach einer Woche Erfolg hatte, oder dachte Erfolg zu haben.
Bei einem nächsten Anrufsversuch hat es sich nämlich herausgestellt, dass in
meinen Unterlagen kein Notiz über eine Fristverlängerung steht. Dieser Fehler
wurde gleich korrigiert, aber ich hatte leider kein Vertrauen mehr, und habe die
Methode unten verwendet:
• Wir Türken klagen sehr oft von türkischer Bürokratie, dass alles sehr langsam
läuft usw. Unter solchen Zuständen entwickeln sich natürlich Methoden, die die
Bürokratie bewältigen können. Ich spreche hier nicht von irgendwelchen illegalen
Methoden, sondern von Methoden, die sich durch kleine Geschicklichkeit und
Klugheit entwickeln und die Lücken der Bürokratie entdecken:
Damit man sich an der Universität einschreiben kann, braucht man ein Visum für
Studium, also Typ "D". Wenn man mit einem Touristenvisum des Typs "C" oder mit
grünem Pass kommt, findet keine Einschreibung statt. Die Univerwaltung möchte
also sehen, dass uns eine Genehmigung gestattet worden ist, in Deutschland zu
studieren.
Was man machen kann ist: Man nimmt Kontakt mit dem Generalkonsulat in Gümüssuyu
auf, erklärt die Notsituation, und bittet darum, ob man ein Visa des Typs "C"‘
bekommen kann, also ein normales Touristenvisum, auf dem zusätzlich ein Satz
steht: "Gilt zur Einschreibung an der Universität X". Ein solches Visum bekommt
man spätestens innerhalb von 3-4 Tagen. Gleichzeitig gibt man aber die
notwendigen Unterlagen für ein Visa Typ D ab, damit diese bearbeitet werden.
Also gibt man gleichzeitig zwei Anträge. Dann reist man hin, schreibt sich ein,
fliegt zurück und gibt den Pass am Generalkonsulat wieder ab.
Diese Methode ist aufwendiger und teurer, aber ist sicherer. Außerdem kann man
schon eine Wohnung suchen, wenn man schon da ist.
Ich möchte aber auf ein anderes Problem bei einem Visaantrag zu sprechen kommen:
Das Generalkonsulat in Istanbul hat sich endlich das Termin-System angeschafft.
Man muss nicht mehr um 5 Uhr morgens schon Schlange stehen, um rein zu kommen.
Man ruft an, bezahlt gemütlich 9 €‚ bekommt einen Termin und muss (fast) nicht
warten. Auf jeden Fall eine humane Methode, sowohl für Visabeantragende, als
auch für die früher öfters überforderten Beamten. Meiner Meinung nach sind sie
viel netter als vorher, bedingt durch die gemütlicheren Arbeitsbedingungen. Ich
hätte aber in meinem Fall die alte Methode bevorzugt und habe gedacht, ich würde
um 4 Uhr morgens kommen und die Sache hinter mir haben. Nein, das geht nicht
mehr! Der Termin wird von einem Computer gegeben und die Beamten am Telefon
haben keinen Einfluss darauf. Als ich angerufen habe, bekam ich einen Termin
erst in 3 Wochen. Das ist unglaublich, dass keine Sonderregelungen mehr
für Absolventen der Deutschen Schule Istanbul gelten. Auf einer Seite haben wir
die Deutsche Schule, wo Abitur gemacht wird und Stipendien gegeben werden, um
die Schüler für ein Studium in Deutschland zu motivieren. Auf der anderen Seite
haben wir auch deutsche Behörden, man bekommt erst in 3 Wochen einen Termin,
dann zusätzlich ein Monat bis man das Visum in der Hand hat. Die Situation muss
unbedingt verbessert werden. Es wäre sehr gut, wenn die Schule oder der Vorstand
das Thema erneut mit zuständigen Behörden diskutieren würde, ob man doch nicht
etwas machen kann.
Es stellt sich heraus, dass man die auf der offiziellen Webseite des Konsulats
stehende Warnung "Bitte bereiten Sie alle Unterlagen vor, bevor Sie einen Termin
ausmachen." lieber übersieht. Man hat meistens genug Zeit, alles vorzubereiten.
Dieses Problem bezieht sich zum größten Teil auf die Schüler, die sich über die
ZVS bewerben müssen und die Zulassung erst 2 Wochen vor der Einschreibefrist
bekommen (nicht mal per Post, man muss anrufen und fragen).
Mein Rat an alle Absolventen ist:
Bewerben Sie sich früh genug, und zwar mit den Unterlagen, die Sie an die ZVS
geschickt haben. Das geht auch. Man muss dann im Konsulat an der Kasse erklären,
dass es zu spät wird, wenn man sich erst nach der Zulassung bewirbt. So werden
sie höchstwahrscheinlich ein Visum Typ D rechtzeitig kriegen, vielleicht sogar
ohne zu wissen, ob Sie einen Platz an der Universität kriegen oder nicht.
Endlich komme ich nach einem langen Abschnitt über das Thema Visum zu meinen
Erfahrungen und Eindrücken, die ich wirklich in Deutschland gesammelt habe:
Ankunft in Deutschland
Meistens kommt man in Frankfurt an, selten aber auch in Stuttgart. Dann nimmt
man den Schnellzug IC/ICE nach Heidelberg und muss wahrscheinlich in Mannheim
umsteigen. Wenn man in Heidelberg angekommen ist, muss man sich erstens um ein
Hotelzimmer kümmern, wo man für einige Tage übernachten kann, bis man
immatrikuliert ist und ein Zimmer auf Dauer findet. Hotels in Heidelberg sind
sehr teuer (mmd 60-70 € pro Nacht). Vor dem Hauptbahnhof befindet sich ein
Tourist-Info. Da kann man einige Hotelnamen bekommen. Was sich gut anbietet ist,
in Ziegelhausen (15 Min. Mit Bus von der Altstadt entfernt) in einer Pension zu
übernachten. Das sind Familienbetriebe und kosten günstiger (Ein Zimmer für 1
Person ca. 25 €‚ für 2 ca 45€). Die nötigen Prospekte findet man in diesem
Tourist-Info. Da sollte man sich auch gleich einen Stadtplan anschaffen. Vom
Hauptbahnhof bis zur Altstadt (Haltestelle= Universitätsplatz) kostet eine
Taxifahrt normalerweise 7-8 € inklusive Trinkgeld. Die günstigsten
Reisemöglichkeiten sind Bus und Straßenbahn. Man kann Tagestickets kaufen und
relativ günstig überall hin fahren. Mobil zu sein ist am Anfang sehr wichtig,
weil man sich ständig um etwas kümmern muss. Nach der Einschreibung kann man ein
Semesterticket für ca. 90 € kaufen und damit ein Semester lang in einem
bestimmten Gebiet (ausreichend für Studenten) fahren. Nachdem man ein Hotel
gefunden hat, geht‘s zur Einrichtung eines Kontos an einer Bank:
Konto einrichten:
Vieles wird leichter, wenn man ein Konto an einer Bank hat. Überall muss man
zahlen, bei der Versicherung, für die Miete, für‘s Handy und Telefon usw. Und
überall wird nach der Kontonummer gefragt. Deshalb ist es nötig ein Konto
einzurichten. Sparkasse hat überall in der Stadt Automaten, ich bevorzuge aber
die Deutsche Bank, weil sie meiner Meinung nach einen guten Eindruck macht,
überall in Deutschland verbreitet ist und zur Zeit ein kostenloses Konto für
Jugendliche errichtet.
Einschreiben + Krankenversicherung:
Bevor man sich an der Universität einschreibt, muss man sich eine
Studentenversicherung anschaffen. AOK ist die Versicherungsgesellschaft, bei der
sich viele Studenten versichern.
Die Filiale in der Altstadt befindet sich am Friedrich-Ebert-Platz. Man zahlt
ca. 55 € im Monat. Die Einschreibung erfolgt in der Uni-Verwaltung in der
Altstadt. Zur Zeit gibt es viele Diskussionen ob man für die Universität zahlen
sollte oder nicht. Im Moment zahlt man ca. 80-100 € im Semester. Stipendiate
müssen nur ungefähr die Hälfte davon zahlen. Unter Stipendium verstehen die
meisten Behörden in Deutschland DAAD-Stipendien, ErasmusStipendien, Stipendium
des Deutschen Volkes usw. Wenn ich aber meine Unterlagen als Stipendiat gezeigt
habe, habe ich auch eine Ermäßigung gekriegt aber ohne Garantie darauf, dass das
in der Zukunft so bleiben wird.
Wohnungssuche:
Es ist sehr schwierig eine Wohnung zu finden. Man kann am besten die Zeitung
‘Sperrmüll‘ kaufen, oder im Info-Center in der Triplex-Mensa an der
Universitätsplatz in er Altstadt einige Anzeigen sich anschauen. Im Neuenheimer
Feld (ein Stadtteil) und in der Altstadt vor allem gibt es auch
Studentenwohnheime. Es ist aber sehr schwierig, in die reinzukommen. Es kommt
auch - - Glück an. Ich hatte zum Beispiel meinen Antrag für ein Zimmer in einem
Wohnheim schon Ende Mai geschickt und habe keinen Platz bekommen. Eine Freundin
von mir ist erst kurz vor dem Studiumbeginn gekommen und in der Altstadt ein
Zimmer mit sehr guter Lage bekommen. Die beste Methode ist sich bei den
Angestellten in dem Info-Center mit freundlichem Lächeln beliebt zu machen und
jeden Tag ein Paar mal dorthin zu gehen, und immer wieder zu fragen, ob ein
Zimmer freigeworden ist. Am Ende haben sie die Nase voll und das nächste Zimmer
gehört Ihnen. Die Wohnheime kosten ungefähr 220 €. Ich habe meine Wohnung an
einem Tag solchen Tag gefunden, als ich frustriert mit der Wohnungssuche an dem
Tag aufgegeben hatte und durch die Altstadt bummelte. Da sah ich an der Tür ein
Schild ‘Zu vermieten‘ und habe ohne weiter groß zu überlegen, das Zimmer
gemietet. Altstadt und Neuenheim sind wegen ihrer Lage sehr geeignet zu wohnen,
sind aber teuer.
Weststadt liegt hinter dem Bahnhof und ist meiner Meinung nach unschön, aber
trotzdem teuer. Ziegelhausen auf Dauer wird auch teuer sein, trotz relativer
Entfernung. Als nächste Möglichkeit bieten sich nördlich der Altstadt
Handschuhsheim und Dossenheim an. Handschuhsheim liegt gar nicht so entfernt von
der Stadt ist aber auch nicht relativ günstiger. Dossenheim liegt ein bisschen
weiter entfernt, ist aber ziemlich günstig. Die Bedingungen in den anderen
Stadtteilen kenne ich nicht gut genug. Diese sind für Istanbuler Verhältnisse
alle sehr nah (max. 30 Minuten Fahrt), aber für Heidelberger Verhältnisse doch
weit. Viele Kameraden, die in diesen Stadtteilen wohnen, müssen immer eher
wegfahren, wenn man gemeinsam was unternimmt. Ich wohne wie gesagt in der
Altstadt, meine Fakultät ist aber im Neuenheimer Feld. Obwohl ich auch 15
Minuten mit dem Bus fahren soll, bin ich sehr zufrieden mit meiner Wohnung. Ich
denke manchmal, wenn ich auch noch im Neuenheimer Feld wohnen würde, wäre ich
sehr selten in der Altstadt und würde wenig von der Stadt mitkriegen.
In der Altstadt, Neuenheim und Handschuhsheim soll man mit 300 bis 400 € für ein
20 bis 30 qm Zimmer rechnen. In Dossenheim habe ich zwei Freunde, die pro Person
für eine größere Wohnung 200 € zahlen. Man sollte auch darüber nachdenken, ob
man in eine Wohngemeinschaft (WG) einzieht. Es kommt auf den Charakter der
Person ab, wie gut man damit leben kann. Obwohl ich mir auch vorstellen kann, in
einer WG zu leben, bin ich doch froh, dass ich meine eigene Bude incl. Bad und
Küche habe.
Aufenthaltserlaubnis
Nachdem man irgendwo untergebracht ist, muss man sich bei dem jeweiligen
Bürgeramt melden und eine Wohnsitzbescheinigung bekommen. Das Visum, das wir von
Istanbul bekommen gilt für 3 Monate. Man muss es beim Auslandsamt verlängern.
Ich habe es am Anfang des dritten Monats gemacht, also Anfang Dezember. Man
kriegt je nach Lust und Laune des Beamten entweder 1 oder 2jähriges Visum. Wenn
man alle Papiere bringt, ist man in 10 Minuten schon fertig. Für mich besteht
also nicht die Gefahr, dass ich während meinen Ferien in der Türkei mich um mein
Visum kümmern muss. Anfang Dezember werde ich sowieso in Deutschland sein.
Studium
Das Studium in Heidelberg gefällt mir sehr. Heidelberg ist die ideale Stadt zum
Studieren. Außerdem ist die Universität einer der ältesten, bekanntesten
Universitäten Europas und hat einen sehr guten Ruf für Medizin. Da ich auch ein
Jahr in der Türkei Medizin studiert habe, kann ich beide Universitäten besser
miteinander vergleichen. Erstens erfährt man, dass es auf den Menschen ankommt,
egal was und wo man studiert. Universität ist nicht mehr wie das Gymnasium, wo
alle Termine schon klar sind, wo man hingeht und macht, was man angeboten
bekommt. An der Universität muss man die Augen offen halten, sich um alles
selber kümmern, sich Vorlesungen aussuchen, sich für die Prüfungen einschreiben
usw. Zusammen mit den Alltagsbeschäftigungen wie waschen, kochen, spülen usw.,
die früher von unseren lieben Müttern zum größten Teil gemacht worden waren,
kann dieser Zustand erst einem überfordern. Aber man gewöhnt sich schnell daran.
Vergleich zwischen den Professoren kann ich schlecht machen. Sie sind alle gut
in ihren Gebieten, und leider sowohl in der Türkei als auch in Heidelberg,
spiegelt sich ihre unglaubliche Karriere nicht immer in den Vorlesungen wieder.
Die in der Schule öfters und erfolgreich angewandete "im Unterricht sehr gut
aufpassen und für die Prüfung weniger lernen‘ ‘-Methode kann nicht mehr an der
Universität benutzt werden. Neue Methoden wie "während der Vorlesung so gut wie
möglich aufzupassen und die Lücken zu Hause selber mit harter und langer Arbeit
zu füllen" sind besser zu gebrauchen. Ein ganz großer Vorteil Heidelberger
Universität ist, dass sie finanziell in einer besseren Lage ist und damit über
genug viele Präparate verfügt. Im Anatomiekurs sind wir nicht mehr 23 an einem
Tisch sondern nur noch 12. Das erste Semester in Medizin ist ziemlich hart. Man
hat 2-3 schriftliche und 3 mündliche Prüfungen. Außerdem wird man mit Ubermengen
von Wissen aus einem ganz neuen Gebiet, Anatomie, bombardiert. Der zweite
Semester ist wesentlich ruhiger.
Von den anderen Fächern kann ich nicht so vieles berichten. Ich weiß aber, dass
Jura genauso schwierig ist. Dagegen scheinen die VWL-Studenten ein wirklich
freieres Leben ohne Stress zu haben.
Verbindungen
Jedem Student in Heidelberg wird das Wort "Verbindung" in absehbarer Zeit
entgegenkommen. Verbindungen sind Studentenvereine, die im 19. Jahrhundert als
politische Bewegungen entstanden sind. Heutzutage kennzeichnen sie sich als
traditionelle Vereine aus. Meistens dürfen Frauen nicht Mitglied werden. Mit
Ausländern werden sie immer lockerer. Ich kenne einen Vietnamesen, der Mitglied
ist. Wenn man Mitglied werden möchte, muss man an Prüfungen teilnehmen, ziemlich
gut trinken können (Verbindungpartys sind sehr berühmt), und unter anderem
Uniformen tragen. Verbindungen sind ziemlich reich, besitzen die schönsten
Häuser und Wohnungen in der Stadt. Die Mitglieder können in diesen sehr günstig
wohnen. Nachdem die Mitglieder arbeitstätig ist, zahlen sie für die Kosten neuer
Mitglieder und spendieren viel für die Verbindung. Ich würde abraten, ein
Mitglied in einer Verbindung zu werden. Sie sind meiner Meinung nach zu
konservativ und haben sehr komische Rituelle.
Alltagsleben in Heidelberg
Nun möchte ich über das normale Alltagsieben in Heidelberg einiges erzählen.
Heidelberg ist, leider, einer der teuersten Städte Deutschlands. Man sagt, dass
sie die zweite teuerste Stadt nach München sei. Aber so teuer sie auch ist, ist
sie eine wunderschöne Stadt. Als eine typische Universitätsstadt boomt es hier
nach Jugendlichen. Ein nicht zu unterschätzender Anteil der Stadtbevölkerung
besteht aus Studenten. Von diesen sind wiederum ein nicht zu übersehender Anteil
ausländischer Herkunft. So gut ich es mitbekommen habe, existiert keine
Ausländerfeindlichkeit in dieser Stadt.
Ich hatte vor kurzem die Gelegenheit, Absolventen der Deutschen Schule Istanbuls
in Tübingen und Stuttgart zu besuchen. Ich muss aber sagen, dass Heidelberg mir
am besten gefallen hat. Sie ist lebendiger. Jetzt kommen einige Auszüge aus dem
Studentenleben hier, die ich wichtig finde und die auch für Neuankömmlinge
hilfreich sein könnten:
Reparatur: Elektrotechnik, Möbelmontage, Badinstallateur, kurz gesagt jede
mögliche Handarbeit wird ca. für 35 € pro Stunde gemacht.
Handy: Zur Zeit ist 02 (0-two) als Handyanbieter am günstigsten und hat
Vorteile, weil er auch Festnetznummern (für zu Hause) für günstige Preise
verkauft. E-Plus ist auch genauso gut, hat im Moment Studentenrabatt und enthält
die Türkei-Option, mit der man nur für 5 € mehr im Monat in alle türkische Netze
ohne Preisunterschied telefonieren und SMS schicken kann. Andere Anbieter sind
teurer zur Zeit.
Festnetz/Internet: Ich habe einen Telekom-Vertrag gemacht, weil dieser Anbieter
am meisten verbreitet ist. Es kostet aber ziemlich viel, besonders wenn man mit
T-Online (Schwesterfirma von Telekom) ins Internet geht. Arcor dagegen
kombiniert Festnetz und Internet preiswerter miteinander. Ein DSL-Flatrate ohne
Volumenbegrenzung wird zu einem Muss des Studentenlebens, weil alle
Vorlesungsinhalte über Internet verfügbar sind, und da man sich übers Internet
für Prüfungen und Kurse anmelden muss. Außerdem kann man durch Online-Banking
viel Zeit sparen.
Krankheit:
Wie ich schon erwähnt hatte, hat jeder Student eine Krankenversicherung. Mit
dieser Versicherung kann man überall behandelt werden. Es empfiehlt sich, sich
einen Hausarzt zu suchen (ein Allgemeinarzt) und bei Problemen erst ihn zu
besuchen. Man muss dann nur ein Mal 10€ Praxisgebühr zahlen und wird für einen
längeren Zeitraum kostenlos behandelt oder zu anderen Fachärzten überwiesen.
Wenn man ständig zu anderen Ärzten geht, zahlt man jedes mal Praxisgebühr.
Besser ist also, egal was für ein Problem man hat den Hausarzt zu besuchen. Er
wird dann, falls nötig, die Überweisung machen.
Sport: Für diejenigen, die Sport nicht sein lassen können, ist Heidelberg ein
Paradies. Es gibt sehr schöne Fahrradwege am Neckar entlang, wo man joggen kann.
Außerdem werden in der Fakultät für Sportwissenschaften (kurz: Uni-Sport) jede
Menge Sportmöglichkeit meistens kostenlos angeboten. Man kann da seltsamsten
Sportarten treiben, von Capoeira bis Soft-Ball oder von Fechten bis
Unterwasser-Rugby. Außerdem gibt es viele Tanzkurse an der Uni.
Musik: Was Musik angeht, sehen die Karten für Heidelberg sehr schlecht aus. In
Heidelberg kann man zwar Musik studieren, aber Möglichkeiten zu musizieren sind
nicht gut. Es gibt keine Proberäume hier, wie wir von Tunel her gewohnt sind.
Einige Wohnheime haben zwar angebliche Musikräume, die aber praktische leer
sind, und wohin man alles jedes Mal selber transportieren muss. In der Stadt
selber gibt es auch sehr wenige Musikgeschäfte. Südlich in Rohrbach befindet
sich aber ein ganz großes Musikgeschäft namens Session, das ziemlich gut
ausgestattet ist. Um zu rocken ist vielleicht Heidelberg nicht die beste Stadt,
aber für diejenigen, die sich für klassische Musik oder Kirchenmusik
interessieren, existieren viele Möglichkeiten.
Sprachen lernen: Im Sprachlabor der Universität Heidelberg kann man Sprachkurse
für 80€ machen. Ich als Stipendiat musste nur 40€ bezahlen und mache im Moment
Japanisch. Italienisch, Spanisch, Englisch für Mediziner, Chinesisch, Japanisch,
Schwedisch, Russisch etc. werden Angeboten. Die Kurse sind leider sehr belegt
und es ist schwierig einen Platz zu bekommen.
Einkaufen: Wie gesagt ist Heidelberg sehr teuer. Trotzdem kann man einige Tipps
geben:
Für Möbel ist IKEA am günstigsten und praktischsten. Es befindet sich auch in
Rohrbach. Für Lebensmittel sind Penny und Little günstiger, Handelshof und HL
sind ein bisschen teurer aber haben bessere Qualität. City-Markt in der Altstadt
ist ziemlich das Teuerste überhaupt. Leitungswasser ist in manchen Stadtteilen
wie Altstadt und Neuenheim trinkbar, in anderen aber ziemlich kalkig. Man muss
sich vor Ort erkundigen.
Essen: Die Universität verfügt über drei Mensas. Eine im Neuenheimer Feld, und
zwei in der Altstadt. In diesen kann man preiswert essen. Sie sind auch ziemlich
abwechselungsreich. Die Marstallmensa in der Altstadt hat bis 9 Uhr abends warme
Küche und bis 12 Uhr in der Nacht Cafe. Für Gourmets unter uns gibt es jede
Menge anderer Restaurants in der Stadt vom Japaner bis zum Türken, vom Griechen
bis zum Italiener oder typisch deutschen Kneipen.
Busse! Fahrrad: Ein Semesterticket ist sehr nützlich. Außerdem kann man ab 7 Uhr
abends mit dem Studentenausweis kostenlos fahren. Trotzdem bin ich der Meinung,
dass es nicht genug Busse in den späteren Zeiten fahren, insbesondere vom
Neuenheimer Feld zur Altstadt. Ab 8 Uhr abends fahren nur noch zwei Busse in
einer Stunde. Deswegen hat man manchmal Probleme von späteren Seminaren
zurückzukommen. Ein Fahrrad ist sehr ideal für solche Fälle, wenn man keine Lust
hat auf einen Bus zu warten. Ohne Fahrrad muss man mit langen Wartezeiten
rechnen.
Langsam komme ich zum Ende meines Berichtes. Ich habe probiert, meine Eindrücke
und Erfahrungen einigermaßen wiederzugeben. Ich hoffe, dass diese den Einstieg
von neuen Absolventen in das Studentenleben in Deutschland und insbesondere in
Heidelberg erleichtert. Ich bin davon überzeugt, dass ich die richtige Wahl
gemacht habe, hierher zu kommen und bin sehr glücklich. Zum Schluss noch ein
Paar Sätze über freundschaftliche Beziehungen: Als ein türkischer Student wird
man erst öfters für einen Deutschtürken gehalten. Leider muss ich sagen, dass
die meisten in Deutschland aufgewachsenen Türken einen schlechten Eindruck von
der Türkei machen, Ausnahmen gibt es natürlich wie überall. Aber sie sind meiner
Meinung nach sehr anders als die meisten Türken, die insbesondere in Istanbul
leben und zu denen die meisten Schüler der Deutschen Schule Istanbul gehören. Es
kann manchmal sein, dass man vorurteilhaft in den selben Kasten mit denen
gesteckt. Aber nach einer Weile werden alle Vorurteile zum größten Teil
abgebaut. Am Anfang des Studiums fand ich es gut, mit anderen Absolventen der
Deutschen Schule Istanbul im selben Semester in kleinen Gruppen herumzulaufen.
In einem Ort, wo sich keiner kennt, fällt so was gleich auf, und dadurch lernt
man schneller andere Menschen kennen. So geschah es auch bei uns. Auf Dauer soll
man sich aber nicht damit beschränken. Man muss versuchen, sich weiter zu
integrieren und neue Menschen kennen zu lernen. Ich denke, dass wir damit in
Heidelberg einen sehr guten Erfolg hatten. Ich habe auf jeden Fall ziemlich gute
Freunde aus diversen Ländern kennen gelernt, u.a. Deutsche, Zyprioten, Griechen,
Slowaken, Italiener, Chinesen, Japaner etc. und bin froh einen solchen großen
Freundeskreis zu haben.
Ich bin sehr froh darüber in Heidelberg Medizin zu studieren und Ihnen über
meine Erfahrungen und Eindrücke berichten zu können.
Mit freundlichen Grüßen
Ilker Şatıroğlu
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