Brief an die DSI von Aslı Okur

 

 

Viel Vor. Viel Dahinter.

Eine Woche vor der ÖSS. Das Telefon klingelt. Ich nehme ab.
"Aslıhan, du hast das Stipendium." ... "Danke schön!".
Die nächsten Wochen waren wie ein Traum. Ich werde in Deutschland studieren. Ich werde in Karlsruhe Wirtschaftsingenieurswesen studieren. Jetzt muss ich nur noch auf die Zulassung warten. Bis dahin hatte ich nichts von Karlsruhe gehört, aber egal, denn laut Universitätsrankings in angesehenen Zeitschriften und Umfragen, bietet Karlsruhe die beste Ausbildung im Bereich Wirtschaftsingenieurswesen und belegt jedes Jahr den ersten Platz.

Das erste Hindernis auf dem Weg zum Studium war das Visum. Als ich die Zulassung bekommen hatte, blieb mir nur noch wenig Zeit zur Einschreibung, weil die Frist bald endete. Man erklärte mir, dass die Bewerbung für den Visumantrag nicht genüge.
Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie viele E-Mails ich an das Studentensekretariat oder an das Akademische Auslandsamt der Universität Karlsruhe geschrieben oder wie oft ich dort angerufen habe, aber meine Einschreibung war immer noch nicht vollständig. Der Studienplatz war sozusagen für mich reserviert, jedoch nicht garantiert. Ich sollte nun nach Deutschland fliegen und alles persönlich erledigen, was aus der Ferne nicht machbar war.

Auf der anderen Seite war Melancholie ... Welches mir inzwischen ein sehr bekanntes Gefühl war. Ein Auslandsstudium ist klar eine große Gelegenheit für jeden, aber der Gedanke, die ganze Familie/Freunde hier zu lassen war schmerzhaft (wobei ich mir sicher bin, dass es keine egoistische Angst vor Einsamkeit war). Ich habe mich oft gefragt ob ich das Richtige mache, ob ich es wirklich schaffen könnte, in einer fremden Stadt, in einem fremden Land zu studieren und alleine zu leben, aber es war die richtige Entscheidung — vielleicht nicht die leichteste — aber die richtige. Die Unterstützung und das Vertrauen meiner Eltern, Verwandten und Freunden hat mir sehr geholfen, um weiter zu kommen.

Es gab noch andere Freunde aus der Schule, die in Karlsruhe studieren wollten. Wir haben geplant, dass wir zusammen fliegen. Es war anderthalb Monate vor dem Semesterbeginn und nach unserem Plan, sollte es folgender Maßen ablaufen:
Am ersten Tag die Einschreibung an der Universität erledigen, zwei Tage für die Wohnungssuche in Karlsruhe, eine Städtetour durch Karlsruhe und am fünften Tag wieder zurück nach Hause (damals bedeutete „nach Hause" - Istanbul). Es hat aber nicht lange gedauert, bis wir gemerkt haben, wie utopisch dieser Plan war.
Karlsruhe ist eine schöne Stadt, größer als ich es mir vorgestellt hatte (natürlich nicht im Vergleich zu Istanbul), aber zu diesem Zeitpunkt war es unmöglich eine Wohnung zu finden. Die Wohnheime waren alle voll.
Für die Einschreibung brauchte ich zuerst die Anmeldung bzw. eine Unterkunft, denn ohne sie erfolgt weder eine Kontoeröffnung bei der Bank noch die Abschließung einer Krankenversicherung. Die Krankenversicherung für Studenten kann man abschließen, wenn man immatrikuliert ist. Aber ohne die Krankenversicherung kann man sich nicht immatrikulieren. Ein Teufelskreis...
Aber zum Glück hatte ich einpaar Bekannte in Deutschland, von denen ich vorher nichts wusste, die mir geholfen haben. Jedenfalls wurde alles irgendwie geregelt und sobald wir auch nach langer und verzweifelter Suche eine Übergangswohnung gefunden hatten (zwar eine extrem unbequeme, aber immerhin) bin ich zurück nach Istanbul geflogen, um den Rest meiner Sachen abzuholen und mich von meiner Familie und meinen Freunden zu verabschieden. Ich muss zugeben, diese Phase war am schwersten.
Eine Woche vor dem Beginn der Vorlesungen war die Orientierungsphase. Zu der Zeit war ich wieder in Karlsruhe. So was will man ja schließlich nicht verpassen. Es war keine gewöhnliche 0-Phase. Sehr interessant und lustig, trotzdem hatte sie aber ihre Aufgabe erfüllt und uns "Ersties", wie wir hier liebevoll genannt werden, einen guten Einstieg ins Studentenleben geleistet. Dann ging es richtig los. Die erste Vorlesung.

Ich habe mich neben meinen Freunden aus der 0-Phase gesessen. Irgendwie sah jeder so aus, als ob sie schon jahrelang an der Uni studierten und wir die einzigen "Ersties" waren, die überhaupt an der Vorlesung teilnahmen. Was mich überrascht hat, war die Anzahl der Studenten: 400 angehende Wirtschaftsingenieure die ebenfalls mit mir zum WSO5/06 angefangen hatten. Manche Vorlesungen haben wir sogar mit anderen Studiengängen zusammen. Und so kann es schon mal sein, dass wir zu 700 in einer Vorlesung sitzen. Zum ersten Semester hatte ich 6 Fächer: Mathematik, Stoffumwandlung und Bilanzen, Werkstoffkunde, Rechnungswesen, Volkswirtschaftslehre 1 und Programmieren.
Ich habe schon gehört, dass man in Deutschland sein Studium selber plant, aber für mich war das unvorstellbar. Jetzt ist es mir klar. Nichts passiert hier automatisch. Für Tutorien und sogar für Klausuren soll/muss man sich selbst anmelden. Das System ist ganz anders als in der Türkei. Man muss z.B. nicht gleich alle Klausuren mitschreiben. Es gibt Orientierungsprüfungen, Scheinklausuren usw. Niemand erklärt dir das Ganze ausführlich aber irgendwie bekommt man mit, was man wissen muss und wenn man mal selbst in diesem System ist, lernt man es recht schnell. Für einen Außenseiter ist es aber chaotisch. Ich habe alle Klausuren, vielleicht auch aus Gewohnheit, mitgeschrieben. In anderthalb Monaten 6 Klausuren hintereinander zu schreiben war sehr stressig. Außerdem sollte ich mir noch eine Wohnung finden, da es zum zweiten Semester wieder wegen der steigenden Nachfrage schwierig sein würde eine Wohnung zu finden und ich keine Zeit mit der Wohnungssuche verlieren wollte, um sobald wie möglich wieder in die Türkei - zu meiner Familie — zu fliegen. Ich war noch nie solange, aber vor allem noch nie soweit weg von ihnen.

Was den Inhalt der Vorlesungen betrifft.
Sie waren sehr anspruchsvoll. Ich hatte nicht das Vergnügen einfach mein Wissen aus der Schule zu wiedergeben. Der Stoff war entweder die Fortsetzung oder etwas ganz Neues. Von der Sprache her, habe ich keine Probleme. Manche haben es sogar nicht geglaubt, dass ich erst seit kurzem in Deutschland bin. Die Menschen sind auch ganz nett. Ich fühle mich nicht fremd. Besonders in Karlsruhe ist es kein Problem. da sie sehr international geprägt ist. Aber manchmal, wenn ich mit anderen ins Gespräch komme und das Thema Türkei aufkommt, wundert es mich wie wenig sie doch über die Türkei wissen (oder besser gesagt, wie Falsch ihre Vorstellung über die Türkei ist).

Zum Schluss, es dauert eine Weile, bis man sich an das kalte Wetter, an die Öffnungszeiten der Supermärkten (sonntags geschlossen!) gewöhnt, bis man richtig kochen kann, bis man sagt "Schön, dass ich hier bin". Manchmal will man seine Familie/seine Freunde bei sich haben. Manchmal geht alles schief. Aber man lernt, auf eigenen Füssen zu stehen und Probleme alleine zu meistern. Es gibt hier keine Mutter/keinen Vater, die alles für dich tun und auf die du dich stützen kannst. Du bist allein, was nicht unbedingt schlecht sein muss, und du triffst deine eigenen Entscheidungen, für die du auch am Ende selber verantwortlich bist. Dieses Studium bringt mir vieles bei, nicht nur von der Qualität, sondern auch von der Lebenserfahrung her. Ich habe mein eigenes und selbstständiges Leben, neue Freunde...

Es ist interessant, aber als ich in Istanbul war, habe ich mich nach Karlsruhe gesehnt.

Jetzt sage ich ganz froh: "Schön, dass ich hier bin". Das bedeutet natürlich nicht, dass hier alles "Friede, Freude ... Eierkuchen" ist, aber ich habe entdeckt, dass ich den Mut und die Kraft habe, die Hindernisse die sich in meinen Weg stellen zu beseitigen und ihnen die Stirn zu zeigen.
Und genau das, bringt mir mein „neues Leben".

Aslıhan Tutçu