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Als unsere Schule 1958 auf eine
neunzigjährige Geschichte zurückblickte, stellte Professor Gerhard
Fricke fest: Die Schule hat das "Recht und die Pflicht, ganz für
die jeweilige Schülergeneration und die jeweilige
Gegenwartsaufgabe da zu sein". Aber der Charakter einer Schule,
"ihre Würde und ihr Wert beruhen ja zugleich in dem, was sie in
langer Leistung geworden ist, was sie bleibt: in dem Geist, den
viele Folgen von Lehrer-und Schülerjahrgängen geschaffen haben und
der nun zugleich als etwas Überdauerndes und zu Bewahrendes sich
an jeder kommenden Generation, sie prägend, wirksam erweist".
Diese hohe Verpflichtung zu erfüllen
ist heute in einer sich rapide wandelnden nahen und fernen Umwelt
nicht leicht, war es aber auch in der Vergangenheit nicht. Aber
ein Blick zurück belehrt nicht nur über den zeitlichen Wandel,
etwa Brüche und tiefgreifende Veränderungen. Er zeigt auch die
immer wieder erneuerte Fähigkeit, flexibel dem Lauf der Zeiten zu
genügen und zugleich dem Anspruch einer dem Wohl der
heranwachsenden Generation verpflichteten Erziehung gerecht zu
werden.
Als es in der Mitte des 19.
Jahrhunderts immer mehr deutsche Handwerker, Kaufleute, Ärzte und
Beamte in die Hauptstadt des Osmanischen Reichs zog, stellte sich
bald die Notwendigkeit, eine geeignete Schule für die Kinder zu
finden. Schon 1850 wurde eine evangelische Schule gegründet. Aber
die Beschränkung dieser Kinder- und Volksschule auf evangelische
Kinder und ihre enge Verbindung zur preußischen Gesandtschaft
hielten viele Eltern davon ab, ihre Kinder in die Aynali Cesme
Sokak zu schicken. So gründeten Handwerker, Kaufleute und
Angestellte, die in Istanbul lebten und arbeiteten, 1867 die
"Deutsche und Schweizer Schulgemeinde". Man mietete Räume an, und
am 11. Mai 1868 begann der Unterricht in der Bürgerschule mit 23
Schülern und 2 Lehrern. Schon 1873 waren es 147 Kinder, die von 4
Lehrern unterrichtet wurden. In diesem Jahr wurden die beiden
deutschen Schulen, die bis dahin nebeneinander existierten,
zusammengelegt, nicht zuletzt auch deswegen, weil das 1871 geeinte
Deutsche Reich eine große finanzielle Hilfe versprach.
Als "Bürgerschule" wollte man mehr
sein als nur eine Elementarschule für kleinere Kinder. Welche
Beachtung diese Gründung einer der ersten deutschen Schulen im
Ausland fand, zeigt sich unter anderem darin, dass die Satzung des
Schulvereins 1913 zur Mustersatzung für die immer häufiger
gegründeten deutschen Schulen im Ausland benutzt wurde. Bald waren
die angemieteten Räume zu klein und es wurde in unmittelbarer Nähe
des Galataturms ein Grundstück gekauft, auf dem 1871 ein massives
dreistöckiges Schulgebäude errichtet werden konnte.
Die Schule entwickelte sich rasch.
Schon 1884 besuchten 180 Jungen und 13 Mädchen die 4
Elementarklassen und die sich anschließenden 3 höheren Knaben-,
bzw. 4 höheren Mädchenklassen. Interessant ist, dass die Schule
immer attraktiver wurde für Kinder nicht-deutscher Eltern. Neben
Deutschen, Schweizern und Österreichern besuchten Kinder aus 13
Nationen die Bürgerschule, allein 22 Kinder gaben türkisch als
Nationalität an.
Im gleichen Tempo änderte sich auch
der Charakter der Schule. Alsbald entwickelte sie sich zur
Realschule bzw. zur Höheren Mädchenschule, in der die Kinder bis
zu ihrem 16. Lebensjahr blieben. Die Lehrpläne entsprachen immer
mehr denen im Deutschen Reich. Das hohe Niveau ist wohl einer der
wesentlichen Gründe, warum der Anteil der nicht-deutschen bzw. der
türkischen Kinder immer stärker anstieg.
Kein Wunder, dass das Schulgebäude
mit der Zeit die ständig wachsende Schülerzahl nicht mehr fassen
konnte. Hinzukam, dass die inzwischen rundherum entstandenen
Wohnhäuser die Schule immer mehr einschnürten. Ein Naturereignis
löste das Problem auf tragische Weise. Am 10 Juli 1894 zerstörte
ein schweres Erdbeben unzählige Gebäude in Istanbul. Auch die
Schule bekam ihren Teil ab, die Schäden waren nicht mehr zu
beheben. Die Schulgemeinde sammelte unter den Deutschen in
Istanbul und im Deutschen Reich 100 000 Mark - eine für die
damalige Zeit erhebliche Summe - und auf dem neu angekauften
Grundstück unterhalb der Tekke konnte im Jahre 1897 ein
weiträumiges Schulgebäude errichtet und bezogen werden. Selbst
dieses große Schulhaus war zeitweise nicht weiträumig genug, denn
während des 1. Weltkriegs nahm die Zahl der Schüler derart zu,
dass für 6 Klassen ein weiteres Gebäude angemietet werden musste.
Ein Grund für die hohe Zahl von über 1000 Schülern ergab sich aus
der Möglichkeit, eine auch in Deutschland anerkannte
Realschulabschlussprüfung durchzuführen. Diese Berechtigung
erhielt die Deutsche Schule Istanbul als erste deutsche
Auslandsschule im Jahr 1898 nach dem Besuch des Deutschen Kaisers.
Neben der Realschule besaß die
Deutsche Schule Istanbul auch einen Handelsschulzweig, Der
erfolgreiche Abschluss dieser Institution berechtigte die
Absolventen zum Besuch einer Handelshochschule in Deutschland.
Gekrönt wurde diese Entwicklung 1911 durch die Erweiterung zur
Oberrealschule. Der erste Schüler, der diesen begehrten Abschluss
erlangte, war ein türkischer Schüler jüdischen Glaubens.
Nach dem 1. Weltkrieg wurde die
Türkei im Vertrag von Sevres gezwungen, alle Deutschen des Landes
zu verweisen und die deutschen Einrichtungen zu schließen, so auch
die Deutsche Schule. Erst der Freiheitskrieg, die Gründung der
Türkischen Republik und der Vertrag von Lausanne brachten die
Wende. Am 10. November 1924 konnte die Schule wiedereröffnet
werden, zunächst in einem angemieteten Haus, ab 1925 in ihrem
alten Gebäude, das bis dahin als französische Kaserne gedient
hatte.
In einer früheren Festschrift heißt
es dazu: "Denn kaum hatte die Türkei durch die Genialität und
Energie ihres bewundernswerten Erneuerers Kemal Atatürk ihre volle
Souveränität wiedergewonnen, da öffnete sie ihr Land alsbald
wieder den Deutschen und bewilligte ihnen die Wiedereröffnung
ihrer kulturellen Einrichtungen im früheren Umfang".
Die Schule wurde von der türkischen
und nicht-türkischen Bevölkerung angenommen: Schon im ersten Jahr
ihrer Wiedereröffnung saßen fast 600 Schüler in den völlig
renovierten Räumen. Wie schon zur Zeit des Deutschen Kaiserreichs
sahen auch die Verantwortlichen in der Weimarer Republik die
Unterstützung der Deutschen Schule Istanbul als eine erstrangige
Verpflichtung an. Die türkische Bildungsreform trug unter anderem
durch die Einführung des lateinischen Alphabets wesentlich dazu
bei, dass das Erlernen von Fremdsprachen erheblich erleichtert
wurde, dass die Schulbildung insgesamt sich mehr nach Europa hin
öffnete und zugleich die türkische Sprache und türkische
Kulturfächer neben den Deutschunterricht und deutschsprachigen
Fachunterricht traten.
Die Zahl der Schüler stieg bis 1931
auf über 800. Dass nach 1933 der Ungeist nationalsozialistischer
Erziehung nur bedingt Einzug in die Schule hielt, verdankt die
Schule der Tatsache, dass die 626 Schüler, die 1938 noch die
Schule besuchten, insgesamt 21 Nationen angehörten. Direktor
Scheuermann verstand es geschickt die Unabhängigkeit der Schule zu
wahren. Auch gab es Lehrerpersönlichkeiten wie Dr. Herbert
Rohfritz, die trotz aller Anfeindungen ihre Schüler im Sinne des
Humanismus der deutschen Bildungstradition unterrichteten.
1944 musste die Schule erneut
schließen. Doch kaum vier Jahre nach Gründung der Bundesrepublik
Deutschland, wurde die Deutsche Schule Istanbul 1953 als
Oberrealschule feierlich wiedereröffnet. Welche Bedeutung der
Schule von Seiten des Bundes beigemessen wurde, zeigten nicht nur
die Besuche des Bundeskanzlers Konrad Adenauer 1954 und des
Bundespräsidenten Theodor Heuss 1957, sondern auch die
finanziellen Zuwendungen, die es ermöglichten, den Unterricht
vorbildlich auszustatten. Der Erfolg und die Resonanz in der
Bevölkerung Istanbuls blieben nicht aus. Schon 1958 besuchten fast
1000 Schüler die DSI, die sich erneut einen geachteten Platz im
Bildungssystem der Türkei erwarb. 42 Lehrkräfte aus Deutschland
und ihre 23 türkischen Kollegen und Kolleginnen gaben der Schule
ein pädagogisches Profil, das ihrer langen beachtenswerten
Tradition gerecht wurde.
Einen großen Anteil daran hatte
Direktor Anstock, einer der vielen Deutschen, die in der Türkei
Asyl fanden. Er war seinem akademischen Lehrer, dem Romanisten Leo
Spitzer, in die Emigration gefolgt und wirkte in Istanbul zunächst
als Lehrer und ab 1961 auch als Leiter der Deutschen Schule. In
dieser Zeit war die Schülerschaft nochmals angestiegen. Dies war
einerseits ein stolzer Beweis für das Ansehen der Schule, hatte
andererseits aber auch negative Folgen für das Leistungsniveau und
die Disziplin der Schüler. Beschränkungen bei der Aufnahme und
strengere Versetzungskriterien schufen Abhilfe und senkten die
Zahl der Schüler und Schülerinnen auf 835 im Jahr 1967.
Glücklicherweise wurde damals die Zahl der aus der Bundesrepublik
vermittelten Lehrer nicht in gleichem Maße gekürzt. Die
wirtschaftliche Situation machte es möglich, die damalige
kulturpolitische Weitsicht wies die Perspektive.
Im Rahmen der Entwicklungen im
türkischen Schulwesen war es der Schule ab 1966 möglich,
schuleigene Lehrpläne für türkische und nicht-türkische Schüler zu
konzipieren. Diese waren allerdings so abzustimmen, dass sie
sowohl das türkische Curriculum wie auch das deutsche beinhalteten
und somit auch von der deutschen Kultusministerkonferenz
hinsichtlich der Durchführung des deutschen Abiturs genehmigt
werden konnten.
Eine Zäsur auch für die Deutsche
Schule brachte die türkische Schulreform des Jahres 1997. Die
türkischen Grundschulen mussten nun Schüler bis einschließlich
Klasse 8 unterrichten. Damit fiel die "Orta" auch für die Deutsche
Schule weg, die der Sekundarstufe I im deutschen Schulsystem
entspricht. Für die türkischen Schüler gab es nach dem Bestehen
der zentralen, staatlich kontrollierten türkischen Aufnahmeprüfung
nur noch die vierjährige Lise-Stufe mit einem Vorbereitungsjahr (Hazırlık).
In diesen fünf Jahren sollten von nun an Alman-Schüler und
Schülerinnen ebenso auf die Allgemeine Deutsche
Hochschulreifeprüfung vorbereitet werden wie alle ihre Vorgänger
in acht Jahren. Diese schulische Vorgabe war für die betroffenen
Schüler und Lehrkräfte eine große Herausforderung und für viele
auch ein sehr hohes Hindernis.
Für die nicht-türkischen Schüler der
Sekundarstufe I hatte die Schulreform zur Folge,
dass keine Klassen mehr existierten, in denen sie mit Duldung der
türkischen Schulbehörden eine Schullaufbahn als "Gastschüler"
einschlagen konnten. So musste aus den Klassen 5 bis 8 eine
einzügige Schule mit gymnasialem Profil gebildet werden, die nicht
der türkischen Schulaufsicht unterliegt und den nicht-türkischen
Schülern ermöglicht, nach dem Übergang in die vierjährige
Oberstufe (Klassen 9 bis 12) eine achtjährige Schule bis zum
Abitur zu durchlaufen. Diese Schule nennt sich bis heute "Privatschule der deutschen Botschaft Ankara – Zweigstelle
Istanbul – Sekundarstufe I".
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