Deutsche Schule Istanbul 1868-2006, eine lange, bewegte Geschichte

Rückblick

 

Als unsere Schule 1958 auf eine neunzigjährige Geschichte zurückblickte, stellte Professor Gerhard Fricke fest: Die Schule hat das "Recht und die Pflicht, ganz für die jeweilige Schülergeneration und die jeweilige Gegenwartsaufgabe da zu sein". Aber der Charakter einer Schule, "ihre Würde und ihr Wert beruhen ja zugleich in dem, was sie in langer Leistung geworden ist, was sie bleibt: in dem Geist, den viele Folgen von Lehrer-und Schülerjahrgängen geschaffen haben und der nun zugleich als etwas Überdauerndes und zu Bewahrendes sich an jeder kommenden Generation, sie prägend, wirksam erweist".

Diese hohe Verpflichtung zu erfüllen ist heute in einer sich rapide wandelnden nahen und fernen Umwelt nicht leicht, war es aber auch in der Vergangenheit nicht. Aber ein Blick zurück belehrt nicht nur über den zeitlichen Wandel, etwa Brüche und tiefgreifende Veränderungen. Er zeigt auch die immer wieder erneuerte Fähigkeit, flexibel dem Lauf der Zeiten zu genügen und zugleich dem Anspruch einer dem Wohl der heranwachsenden Generation verpflichteten Erziehung gerecht zu werden.

Als es in der Mitte des 19. Jahrhunderts immer mehr deutsche Handwerker, Kaufleute, Ärzte und Beamte in die Hauptstadt des Osmanischen Reichs zog, stellte sich bald die Notwendigkeit, eine geeignete Schule für die Kinder zu finden. Schon 1850 wurde eine evangelische Schule gegründet. Aber die Beschränkung dieser Kinder- und Volksschule auf evangelische Kinder und ihre enge Verbindung zur preußischen Gesandtschaft hielten viele Eltern davon ab, ihre Kinder in die Aynali Cesme Sokak zu schicken. So gründeten Handwerker, Kaufleute und Angestellte, die in Istanbul lebten und arbeiteten, 1867 die "Deutsche und Schweizer Schulgemeinde". Man mietete Räume an, und am 11. Mai 1868 begann der Unterricht in der Bürgerschule mit 23 Schülern und 2 Lehrern. Schon 1873 waren es 147 Kinder, die von 4 Lehrern unterrichtet wurden. In diesem Jahr wurden die beiden deutschen Schulen, die bis dahin nebeneinander existierten, zusammengelegt, nicht zuletzt auch deswegen, weil das 1871 geeinte Deutsche Reich eine große finanzielle Hilfe versprach.

Als "Bürgerschule" wollte man mehr sein als nur eine Elementarschule für kleinere Kinder. Welche Beachtung diese Gründung einer der ersten deutschen Schulen im Ausland fand, zeigt sich unter anderem darin, dass die Satzung des Schulvereins 1913 zur Mustersatzung für die immer häufiger gegründeten deutschen Schulen im Ausland benutzt wurde. Bald waren die angemieteten Räume zu klein und es wurde in unmittelbarer Nähe des Galataturms ein Grundstück gekauft, auf dem 1871 ein massives dreistöckiges Schulgebäude errichtet werden konnte.

Die Schule entwickelte sich rasch. Schon 1884 besuchten 180 Jungen und 13 Mädchen die 4 Elementarklassen und die sich anschließenden 3 höheren Knaben-, bzw. 4 höheren Mädchenklassen. Interessant ist, dass die Schule immer attraktiver wurde für Kinder nicht-deutscher Eltern. Neben Deutschen, Schweizern und Österreichern besuchten Kinder aus 13 Nationen die Bürgerschule, allein 22 Kinder gaben türkisch als Nationalität an.

Im gleichen Tempo änderte sich auch der Charakter der Schule. Alsbald entwickelte sie sich zur Realschule bzw. zur Höheren Mädchenschule, in der die Kinder bis zu ihrem 16. Lebensjahr blieben. Die Lehrpläne entsprachen immer mehr denen im Deutschen Reich. Das hohe Niveau ist wohl einer der wesentlichen Gründe, warum der Anteil der nicht-deutschen bzw. der türkischen Kinder immer stärker anstieg.

Kein Wunder, dass das Schulgebäude mit der Zeit die ständig wachsende Schülerzahl nicht mehr fassen konnte. Hinzukam, dass die inzwischen rundherum entstandenen Wohnhäuser die Schule immer mehr einschnürten. Ein Naturereignis löste das Problem auf tragische Weise. Am 10 Juli 1894 zerstörte ein schweres Erdbeben unzählige Gebäude in Istanbul. Auch die Schule bekam ihren Teil ab, die Schäden waren nicht mehr zu beheben. Die Schulgemeinde sammelte unter den Deutschen in Istanbul und im Deutschen Reich 100 000 Mark - eine für die damalige Zeit erhebliche Summe - und auf dem neu angekauften Grundstück unterhalb der Tekke konnte im Jahre 1897 ein weiträumiges Schulgebäude errichtet und bezogen werden. Selbst dieses große Schulhaus war zeitweise nicht weiträumig genug, denn während des 1. Weltkriegs nahm die Zahl der Schüler derart zu, dass für 6 Klassen ein weiteres Gebäude angemietet werden musste. Ein Grund für die hohe Zahl von über 1000 Schülern ergab sich aus der Möglichkeit, eine auch in Deutschland anerkannte Realschulabschlussprüfung durchzuführen. Diese Berechtigung erhielt die Deutsche Schule Istanbul als erste deutsche Auslandsschule im Jahr 1898 nach dem Besuch des Deutschen Kaisers.

Neben der Realschule besaß die Deutsche Schule Istanbul auch einen Handelsschulzweig, Der erfolgreiche Abschluss dieser Institution berechtigte die Absolventen zum Besuch einer Handelshochschule in Deutschland. Gekrönt wurde diese Entwicklung 1911 durch die Erweiterung zur Oberrealschule. Der erste Schüler, der diesen begehrten Abschluss erlangte, war ein türkischer Schüler jüdischen Glaubens.

Nach dem 1. Weltkrieg wurde die Türkei im Vertrag von Sevres gezwungen, alle Deutschen des Landes zu verweisen und die deutschen Einrichtungen zu schließen, so auch die Deutsche Schule. Erst der Freiheitskrieg, die Gründung der Türkischen Republik und der Vertrag von Lausanne brachten die Wende. Am 10. November 1924 konnte die Schule wiedereröffnet werden, zunächst in einem angemieteten Haus, ab 1925 in ihrem alten Gebäude, das bis dahin als französische Kaserne gedient hatte.

In einer früheren Festschrift heißt es dazu: "Denn kaum hatte die Türkei durch die Genialität und Energie ihres bewundernswerten Erneuerers Kemal Atatürk ihre volle Souveränität wiedergewonnen, da öffnete sie ihr Land alsbald wieder den Deutschen und bewilligte ihnen die Wiedereröffnung ihrer kulturellen Einrichtungen im früheren Umfang".

Die Schule wurde von der türkischen und nicht-türkischen Bevölkerung angenommen: Schon im ersten Jahr ihrer Wiedereröffnung saßen fast 600 Schüler in den völlig renovierten Räumen. Wie schon zur Zeit des Deutschen Kaiserreichs sahen auch die Verantwortlichen in der Weimarer Republik die Unterstützung der Deutschen Schule Istanbul als eine erstrangige Verpflichtung an. Die türkische Bildungsreform trug unter anderem durch die Einführung des lateinischen Alphabets wesentlich dazu bei, dass das Erlernen von Fremdsprachen erheblich erleichtert wurde, dass die Schulbildung insgesamt sich mehr nach Europa hin öffnete und zugleich die türkische Sprache und türkische Kulturfächer neben den Deutschunterricht und deutschsprachigen Fachunterricht traten.

Die Zahl der Schüler stieg bis 1931 auf über 800. Dass nach 1933 der Ungeist nationalsozialistischer Erziehung nur bedingt Einzug in die Schule hielt, verdankt die Schule der Tatsache, dass die 626 Schüler, die 1938 noch die Schule besuchten, insgesamt 21 Nationen angehörten. Direktor Scheuermann verstand es geschickt die Unabhängigkeit der Schule zu wahren. Auch gab es Lehrerpersönlichkeiten wie Dr. Herbert Rohfritz, die trotz aller Anfeindungen ihre Schüler im Sinne des Humanismus der deutschen Bildungstradition unterrichteten.

1944 musste die Schule erneut schließen. Doch kaum vier Jahre nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland, wurde die Deutsche Schule Istanbul 1953 als Oberrealschule feierlich wiedereröffnet. Welche Bedeutung der Schule von Seiten des Bundes beigemessen wurde, zeigten nicht nur die Besuche des Bundeskanzlers Konrad Adenauer 1954 und des Bundespräsidenten Theodor Heuss 1957, sondern auch die finanziellen Zuwendungen, die es ermöglichten, den Unterricht vorbildlich auszustatten. Der Erfolg und die Resonanz in der Bevölkerung Istanbuls blieben nicht aus. Schon 1958 besuchten fast 1000 Schüler die DSI, die sich erneut einen geachteten Platz im Bildungssystem der Türkei erwarb. 42 Lehrkräfte aus Deutschland und ihre 23 türkischen Kollegen und Kolleginnen gaben der Schule ein pädagogisches Profil, das ihrer langen beachtenswerten Tradition gerecht wurde.

Einen großen Anteil daran hatte Direktor Anstock, einer der vielen Deutschen, die in der Türkei Asyl fanden. Er war seinem akademischen Lehrer, dem Romanisten Leo Spitzer, in die Emigration gefolgt und wirkte in Istanbul zunächst als Lehrer und ab 1961 auch als Leiter der Deutschen Schule. In dieser Zeit war die Schülerschaft nochmals angestiegen. Dies war einerseits ein stolzer Beweis für das Ansehen der Schule, hatte andererseits aber auch negative Folgen für das Leistungsniveau und die Disziplin der Schüler. Beschränkungen bei der Aufnahme und strengere Versetzungskriterien schufen Abhilfe und senkten die Zahl der Schüler und Schülerinnen auf 835 im Jahr 1967. Glücklicherweise wurde damals die Zahl der aus der Bundesrepublik vermittelten Lehrer nicht in gleichem Maße gekürzt. Die wirtschaftliche Situation machte es möglich, die damalige kulturpolitische Weitsicht wies die Perspektive.

Im Rahmen der Entwicklungen im türkischen Schulwesen war es der Schule ab 1966 möglich, schuleigene Lehrpläne für türkische und nicht-türkische Schüler zu konzipieren. Diese waren allerdings so abzustimmen, dass sie sowohl das türkische Curriculum wie auch das deutsche beinhalteten und somit auch von der deutschen Kultusministerkonferenz hinsichtlich der Durchführung des deutschen Abiturs genehmigt werden konnten.

Eine Zäsur auch für die Deutsche Schule brachte die türkische Schulreform des Jahres 1997. Die türkischen Grundschulen mussten nun Schüler bis einschließlich Klasse 8 unterrichten. Damit fiel die "Orta" auch für die Deutsche Schule weg, die der Sekundarstufe I im deutschen Schulsystem entspricht. Für die türkischen Schüler gab es nach dem Bestehen der zentralen, staatlich kontrollierten türkischen Aufnahmeprüfung nur noch die vierjährige Lise-Stufe mit einem Vorbereitungsjahr (Hazırlık). In diesen fünf Jahren sollten von nun an Alman-Schüler und Schülerinnen ebenso auf die Allgemeine Deutsche Hochschulreifeprüfung vorbereitet werden wie alle ihre Vorgänger in acht Jahren. Diese schulische Vorgabe war für die betroffenen Schüler und Lehrkräfte eine große Herausforderung und für viele auch ein sehr hohes Hindernis.

Für die nicht-türkischen Schüler der Sekundarstufe I hatte die Schulreform zur Folge, dass keine Klassen mehr existierten, in denen sie mit Duldung der türkischen Schulbehörden eine Schullaufbahn als "Gastschüler" einschlagen konnten. So musste aus den Klassen 5 bis 8 eine einzügige Schule mit gymnasialem Profil gebildet werden, die nicht der türkischen Schulaufsicht unterliegt und den nicht-türkischen Schülern ermöglicht, nach dem Übergang in die vierjährige Oberstufe (Klassen 9 bis 12) eine achtjährige Schule bis zum Abitur zu durchlaufen. Diese Schule nennt sich bis heute "Privatschule der deutschen Botschaft Ankara – Zweigstelle Istanbul – Sekundarstufe I".