Deutsche Schule Istanbul 1868-2006, eine lange, bewegte Geschichte

Gegenwart und Ausblick

 

Mit der auch räumlich sichtbar gewordenen Trennung der Schule in zwei Systeme war die Zeit, als die Deutsche Schule Istanbul noch eine Einheit mit einem umfassenden Begegnungscharakter darstellte, endgültig vorbei. Doch dieser so unglückliche Umstand, gerade auch für Ehemalige und Absolventen wie für Freunde der DSI, die „ihre“ Schule im Vergleich zu heute aus ganz anderer Perspektive und fast ein wenig verklärt sehen, stellte sich beim Übergang in das nächste Jahrtausend nur als eines von vielen Problemen für die neue Schulleitung dar.

Die Virulenz weltweiter Veränderungen in einer sich immer enger verzahnenden Welt und den damit einhergehenden wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Umwälzungen erfasste mit ihren Ausläufern auch die 117 deutschen Auslandsschulen. Weit über 40 vermittelte Auslandsdienstlehrkräfte unterrichteten in den 80er und 90er Jahren an unserer Schule. Anfang 2000 waren es gerade noch 18 Lehrpersonen dieser Art, ergänzt durch wenige sogenannte Bundesprogrammlehrkräfte. Dennoch sollte die Deutsche Schule Istanbul mit ihren durchschnittlich 800 Schülern und Schülerinnen in ihrer Struktur als 6-zügiges Gymnasium erhalten bleiben. Es war eine der schwierigen Aufgaben des Schulleiters, die dafür benötigten weiteren Lehrer als sogenannte deutsche Ortslehrkräfte anzuwerben.

Neben dem verheerenden Erdbeben von 1999 in Adapazarı, das in den Jahren danach viele Lehrer von einer Anstellung in Istanbul abhielt, stellte sich auch das Angebot an qualifizierten Lehrkräften auf dem „freien Markt“ als Problem dar. Eine ausreichende Planungssicherheit konnte es auch aus einem anderen Grund nicht mehr geben. Bundesprogrammlehrer und Ortslehrkräfte waren oft Berufsanfänger, die nach ihrem Referendariat keine Anstellung fanden und das Ausland als Warteschleife für eine spätere Einstellung in den innerdeutschen Schuldienst nutzten. Sobald sich eine Chance für eine Einstellung in Deutschland ergab, verließ man umgehend die Schule, in manchen Fällen sogar während des laufenden Schuljahres.

Eine Entspannung dieser vor allem auch für Schüler und Eltern äußerst unbefriedigenden Situation stellte sich erst in den letzten Jahren durch neue schuleigene Vertragsmodalitäten ein und als es gelang, gut qualifizierte Lehrkräfte für eine länger dauernde Lehrtätigkeit zu verpflichten.

Im pädagogischen Bereich musste auf die einschneidende türkische Schulreform ebenfalls reagiert werden. Dies geschieht seit 2002 vor allem in den unteren Klassen durch spezielle Fördermaßnahmen mit Klassen- und Fächerteilungen in kleine Lerngruppen und entsprechend hohem Personalaufwand.
Auch im gymnasialen Zweig der nicht-türkischen Schüler sind neue Schülerkonstellationen zu beobachten. Immer mehr deutsche und gemischt-nationale Familien, die ihren Lebensmittelpunkt in die Türkei verlegt haben, versuchen ihre Kinder an der Deutschen Schule unterzubringen. Ein nicht unerheblicher Teil davon kann aber den von der Schule geforderten gymnasialen Ansprüchen nicht genügen. Eine Aufteilung der Schule in ein dreigliedriges Schulsystem kann mangels geeigneter Schülerzahlen nicht durchgeführt werden. So versucht die Schulleitung das Problem dadurch in den Griff zu bekommen, dass ab 2002 neben speziellen Aufnahmekriterien und auch ein besonderer Förderrahmen für nicht-gymnasial eingestufte Schüler erarbeitet wurde und seitdem erfolgreich praktiziert wird. Auch diese Maßnahme ist sehr personalintensiv. Dennoch unterstützt der Verein zum Betrieb der Deutschen Schule Istanbul als Schulträger diese Schulentwicklung in vollem Umfang.

Sorgen bereitete der bauliche Zustand der Schule, sowohl was den Sicherheitsaspekt wie auch die Ausstattung des Untergeschosses der Schule betraf, dort vor allem die sanitären Anlagen. Es existierten zwar schon damals umfangreiche Pläne zur Sanierung und Renovierung der gesamten Schule, auch waren die erforderlichen Gelder genehmigt, doch die geänderte wirtschaftliche Lage in Deutschland sowie unklare Verfahrensweisen verhinderten, das angestrebte Bauziel zu erreichen. Der Vorstand des Schulvereins und die Schulleitung planten nun mit vereinten Kräften eine Sanierung der nötigsten Schwachstellen wie Elektrizität, Wasser und Heizung auf schuleigene Kosten. Im gleichen Atemzug wurde die Renovierung des gesamten Untergeschosses vorgenommen, sowie der Neubau der Schülerbibliothek im Dachgeschoss des sogenannten Turms im Südflügel der Schule durchgeführt.

Bei diesem persönlichen und finanziellen Kraftakt sollte es allerdings nicht bleiben. Auch wenn durch die erfolgten Baumaßnahmen die Sicherheit der Schule erheblich verbessert wurde, ergab ein wissenschaftliches Gutachten der technischen Universität, dass die Fundamente des Gebäudes wie auch die darüber liegenden Räume den neuen Sicherheitsstandards hinsichtlich der Erdbebensicherheit entsprechend zu sanieren sind. Mit großem persönlichen und zeitlichen Aufwand machten sich im Jahr 2003 Vorstand und Schulleitung daran, das Großprojekt in Gang zu setzen. Inzwischen stellte die Schule auch einen Finanz- und Verwaltungsleiter ein, der nach und nach die Aufgaben übernehmen konnte, die bis dahin der Schulleiter über seinen eigentlichen Aufgabenbereich hinaus leistete. In den nächsten beiden Jahren waren Ärger und Frust wie auch die Sorge um den Beginn der Sanierung ständiger Begleiter aller Beteiligten. Doch in den Sommerferien 2005 war es endlich soweit. In einer ersten Bauphase konnten die Fundamente des Südflügels der Schule saniert werden. In der Praxis wurde deutlich, wie schwierig diese Arbeiten, technisch und organisatorisch, durchzuführen waren. Bis zum Jahr 2008 sollen nun, jeweils in den Sommerferien, die weiteren Bauabschnitte umgesetzt werden. Gleichzeitig läuft die Umstrukturierung vieler Räume im Nordflügel. Darunter fällt ebenfalls die Schulleiterwohnung, die in früheren Zeiten die enge Verbundenheit des jeweiligen Schulleiters mit „seiner“ Schule symbolisierte.

Auch die Klassenzimmer werden weiter renoviert. Alle Räume sollen so umgestaltet werden, dass sie höchsten technischen Standards im Unterricht der Zukunft entsprechen. Aber auch die Lehrkräfte sollen für die Zukunft vorbereitet werden. Nicht nur die neu Eingestellten sollen best ausgebildet die Schule mit ihrem Wissen bereichern, sondern auch diejenigen, die schon einige Zeit an der Schule unterrichten. Selbst Verwaltungsleiter und Vorstand sollen teilhaben an einer Schulentwicklung. Dazu haben Schulleitung und Vorstand, Lehrer, Schüler und Eltern im Jahr 2005 ein Leitbild entwickelt, welches das Ideal der Deutschen Schule Istanbul beschreiben soll. An der Verwirklichung der zehn Leitsätze arbeiten seitdem verschiedene Projektgruppen mit großem Engagement.
Qualitäts- und Personalmanagement, unterrichtliche und personelle Evaluation sind heutzutage vertraute Begriffe an unserer Schule. Dies zeigt, wie stark auch die Schule in den Wandel der Gesellschaft mit einbezogen ist. Nur wenn beide, Schule und Gesellschaft, sich ihrer Verantwortung bewusst sind und die Entwicklung der neuen Generationen mittragen, sind sie den künftigen Aufgaben gewachsen und können die heranwachsenden jungen Menschen befähigen, in der Welt von morgen eine ihrer jeweiligen Begabung angemessene Rolle zu übernehmen.

Die Schule muss ihren Standort finden, von dem aus sie erziehen und führen kann. Ein Zitat aus der Festschrift zum 100-jährigen Jubiläum unserer Schule besitzt heute wie im Jahre 1968 seine Gültigkeit: „Ihre innere Geschlossenheit kann sie (die Schule) nur dann erlangen und bewahren, wenn in ihr gilt, was für jedes echte Zusammenleben Grundvoraussetzung ist: das freimütige Wort und die offene Tür, das sachliche Argument und die freundschaftliche Aussprache, die Abneigung gegen Vorurteile und Aufgeschlossenheit gegenüber Sprache, Sitte, Kulturvergangenheit und -gegenwart des anderen, das Bewusstsein persönlicher und allgemeiner Verantwortung, aber auch - neben einer guten Portion Freude am Lachen und Leben - der Zweifel, ob man das Seinige auch tatsächlich richtig macht"